03.05.2018

„Was wollen Sie eigentlich in Togo?“

Erfahrungsbericht von Martin Schmidt über das Leben als Langzeitexperte für die Sparkassenstiftung in Westafrika


Martin Schmidt ist seit drei Monaten als Langzeitexperte für die Sparkassenstiftung in Togo im Einsatz. Zwischenbilanz: Das Fremde ist schon irgendwie vertraut und die Projektarbeit mit der Post von Togo läuft gut.

November 2017: Mich erreichte eine E-Mail der Sparkassenstiftung für internationale Kooperation. Betreff: „Lust auf Togo?“. Das traf erstmal voll ins Schwarze. Die Schließung des Standortes Düsseldorf der Sparkassenakademie Nordrhein-Westfalen zum Jahresende, der im Studium verpasste Aufenthalt im frankophonen Ausland, der nahende 50. Geburtstag - für mich viele gute Gründe, das Angebot mit „ja“ zu beantworten.

Nach Unterzeichnung aller erforderlichen Dokumente stellte sich naturgemäß die „Kaufreue“ ein: Worauf habe ich mich da schon wieder eingelassen? „Postsparkassen Subsahara“, ein mehrere Länder umfassendes Projekt, und hierfür soll ich die Sparkassenstiftung als erster Langzeitexperte in Togo neun Monate lang vertreten? Die Stiftung war vorher noch nie in dem westafrikanischen Staat mit rund acht Millionen Einwohnern aktiv, also keine Vorgänger als Ansprechpartner, kein Büro, und der neue Projektpartner „La Poste“ ist noch nahezu unbekannt. Zudem ist verhandlungssicheres Französisch erforderlich. Nun gut. Aber Katrin, meine Frau, sagte: „Jetzt oder nie. Deine Chance. Und neun Monate – das bekommen wir schon alles gut geregelt – ist wie ‘ne Schwangerschaft. Guckt man drüber.“

Neu in Afrika: Zwischen Katzenjammer und Überwältigung

Also, los gings. Erstmal für zwei Wochen, davon vier Tage mit Afrika-Referatsleiter Stefan Henkelmann von der Sparkassenstiftung und Kurzzeitberater Bertrand Mignot, der im Oktober 2017 die allererste Erkundungsreise nach Togo gemacht hatte. Gedacht habe ich mir: Du fliegst jetzt ohne große Vorstellungen, ohne spezielle Erwartungen und guckst, wie das läuft – dann kannst Du auch nicht reinfallen. Aber Togo hat dann doch in jeder Hinsicht überwältigende Erfahrungen und neue Einblicke bereitgehalten. Das ungewohnte Straßenbild, die drückende Hitze, die neuen Gesichter der Postkollegen, das Rätsel, wie ich mich im Alltag hier überhaupt orientieren kann. Am Ende der ersten zwei Wochen herrschte daher erstmal etwas Katzenjammer und auch große Freude darüber, nochmal für drei Wochen zurück nach Deutschland zu können, zu meiner Familie, für Gespräche mit Freunden. Klares Ergebnis: „Backen zusammenkneifen, Du schaffst das schon in Togo!“

Vor der endgültigen Abreise hatte ich an einem Auffrischungskurs in Business-Französisch und einer Landesanalyse Togo an der Akademie für Internationale Zusammenarbeit in Bonn teilgenommen – das beruhigte. Trotzdem kam ich Ende Februar mit einer Mischung aus großem Interesse und genauso großer Verunsicherung in Lomé an.

„Lomé, la Belle“ – die Schöne: Togos Hauptstadt am Meer, Heimat für mehr als eine Million Menschen, ökonomisches Zentrum Togos und mit dem Tiefseehafen auch wichtig für die Nachbarstaaten Benin, Ghana und Burkina Faso. Hier gibt es alle Facetten einer afrikanischen Großstadt: Von den beleuchteten Prachtboulevards mit prächtigen Großbauten und der spektakulären Strandpromenade führen die asphaltierten oder gepflasterten Hauptverkehrsadern in Richtung der Wohngebiete – in denen die Straßen dann durchgängig Pisten sind, Sand und lose Steine. Geschäftiges und doch freundlich-entspanntes Treiben überall: Sei es an den Sammelpunkten für die Motorradtaxis („Zémidjan“), auf den großen Märkten und Basaren, an den Ausgehmeilen, wo am Straßenrand Freiluftbars mit Plastikstühlen, den lokalen Biersorten „Pils“, „Flag“ oder „Beaufort“, gegrillten Hähnchenteilen und klirrend lauter Musik um junges Partyvolk werben.

Leider sind hier gerade junge Leute häufig arbeitslos oder absolvieren nach abgeschlossenem Studium teilweise jahrelange unbezahlte Praktika – mit etwas Glück ein bezahlter Job zum Mindestlohn, der 35.000 CFA-Francs beträgt: rund 55 EUR. Was kann man davon kaufen? Für 15.000 F CFA erstmal ein kleines Zimmer mit Strom und vielleicht Fernsehen – und dann bleiben pro Tag noch vielleicht 700 F CFA für „alles andere“: Eine Ananas kostet 300 F, eine Dose „Pils“ 300 F, 50 MB Internet auf dem Smartphone 200 F, ein Essen in einem Fufu-Imbiss (Yamsbrei mit scharfer Fleischsoße) 1.000 F.

Der Traum schlechthin für viele junge Leute: ein chinesisches Klein-Motorrad mit 10 PS, Fabrikat „Sanya“, oder „Haojoue“, zum Preis zwischen 390.000F und 550.000F. Sei es, um als Zémidjan-Fahrer Geld zu verdienen (eine Sackgasse für viele junge Männer!), sei es, um als gut ausgebildete Universitätsabsolventin zu einem Job bei der Post oder bei einer Behörde zu fahren, um dort die Chance auf ein sechsstelliges monatliches Gehalt (100.000 F = 150 EUR) und damit ein Leben mit bescheidenem Wohlstand zu bekommen.

Den Traum vom Klein-Motorrad habe ich mir für umgerechnet 700 EUR sofort erfüllen können; nagelneu, auf meinen Namen angemeldet. Der richtige Schritt, um unabhängig und frei das Land zu erkunden, Besorgungen zu machen, auch bei Hitze den Fahrtwind genießend zwischen Post und Wohnung zu pendeln … und mit den Nachbarn in meinem Viertel bin ich dadurch auch gut bekannt geworden. Die meisten anderen „Yovo“ (Weiße Menschen) sitzen dann doch eher anonym in Geländewagen. Motorrad und ein Zimmer zur Untermiete in einem schönen Haus (dessen Besitzer fast immer in Frankreich sind, so dass Wohn- und Esszimmer meist auch nur von mir bewohnt werden) sind wichtige Meilensteine geworden, um vorübergehend heimisch zu werden. Zusätzlich habe ich im „Foyer des Marins“ am Hafen, betrieben von der Deutschen Seemannsmission, eine schöne Anlaufstelle nicht nur mit Sonntagsgottesdienst, sondern mit Schwimmbad, leckerem Kuchen und Essen – und man trifft auch andere „Seefahrer“ aus aller Welt.

Zwischenbilanz: Das Fremde ist zum Alltag geworden und die Projektarbeit läuft gut

Im nun dritten Monat (der 100. Tag im neuen Job nähert sich schließlich) ist auch die Arbeit bei der „Société des Postes du Togo“ etwas gewohnter geworden. Aus den fremden Gesichtern sind echte Menschen und Kollegen geworden, mit allen ihren individuellen Eigen- und Besonderheiten, Geschichten, Familien, Hobbies und gemeinsamen Mittagspausen im Fufu-Lokal „Dieu seul suffit“.Die gemeinsamen Arbeiten am Bildungsprogramm für die neu gegründete „École Nationale des Postes du Togo“ (Nationale Postschule) gehen auch schon gut voran! Wir hoffen, dass wir mit den Schulungen für die Postler in über 100 Filialen (bis in die entlegensten Winkel des Landes), mit den Finanz- klassischen Postprodukten sowie dem Postbus „Le Courrier“ zu mehr Wohlstand und zu einem besseren Leben innerhalb der Bevölkerung Togos beitragen zu können.

Ich bin dankbar, dass ich mit fast 50 Jahren noch diese Auslandserfahrung machen kann. Sie belastet mental und körperlich, aber sie belohnt auch über alle Maße. Das Leben hier lehrt mich gleichermaßen Demut und Bescheidenheit wie auch kristallene Klarheit über das bisher Erlebte und auch, was Zukunft in Deutschland für mich bedeutet. Dankbar bin ich allen Menschen in Deutschland und in Togo, ohne deren kleineren oder größeren Impuls oder Beistand ich es hier viel schwerer gehabt hätte.

Was das Leben im Moment noch schwer macht… es ist eigentlich auch nur die Distanz zu Katrin, unseren Kindern, meinem 85-jährigen Vater, zu Freunden, Kollegen in Akademie und Verband, der gewohnten Umgebung; und dass ich das, was zu Hause passiert, dieses Jahr einfach nur aus der Entfernung mitbekomme. Aber: „neun Monate – das bekommen wir schon geregelt“ – davon sind schon fast drei wie im Flug vergangen. Beschleunigung droht noch im Juli: meine Tochter Emma wird nach ihrem Abi für acht Wochen nach Togo kommen und mein geordnetes Leben hier bestimmt mächtig auf den Kopf stellen.

 

Sparkassenzeitung Online, Mai 2018


Sparkassenstiftung für internationale Kooperation e.V.
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