Finanzgruppe Sparkassenstiftung
29.11.16

Anspruchsvoll, aber machbar: Regionales Sparkassenmodell für Irland

Sparkassenstiftung präsentiert in Dublin erste Ergebnisse der Zusammenarbeit im politischen Diskurs auf Konferenz „A New System of Banking for SME´s – Simply Different“

Heinrich Haasis, Präsident des Weltinstituts der Sparkassen und Vorstandsvorsitzender der Sparkassenstiftung für internationale Kooperation, erläuterte die Bedeutung eines funktionierenden Regionalbanksystems wie das der deutschen Sparkassen für die weltweite Finanzmarktstabilität.

Von links nach rechts: Seamus Boland, Chief Executive Officer der Irish Rural Link (IRL) mit Dr. Karl-Peter Schackmann-Fallis, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) und Noel Kinahan, Research Assistant der IRL.

In Folge der Finanzkrise ist der irische Bankensektor auf ein Oligopol staatlich gestützter Banken und kleiner Kreditgenossenschaften zusammengeschmolzen. Insbesondere in ländlichen Regionen werden Privathaushalte und vor allem kleine und mittlere Unternehmen (KMU) nicht ausreichend mit Finanzdienstleistungen und Finanzierungsmöglichkeiten versorgt. Ein Regionalbanksystem nach deutschem Sparkassenvorbild etabliert sich zunehmend als geeignetes alternatives Modell für die grüne Insel und wurde mit einem Prüfauftrag im aktuellen Regierungsprogramm versehen.

 

Die Ausrichtung der Konferenz am 16. November in der altehrwürdigen Royal Dublin Society (RDS) war mit Bedacht gewählt, war ihr philanthropischer Gründer, Thomas Prior, doch eng mit George Berkeley befreundet, dem Vordenker der ersten öffentlichen Banken im 18. Jahrhundert.
Seit 2014 verfolgt die Sparkassenstiftung für internationale Kooperation gemeinsam mit dem Dachverband der kommunalen und regionalen Interessenverbände, der Irish Rural Link (IRL) sowie mit Vertretern der Trinity Business School und der Dublin City University (DCU) den Aufbau von Sparkassen in Irland. Die Ergebnisse der bisherigen Projektzusammenarbeit wurden nun präsentiert, um die breite öffentliche Diskussion zu ermöglichen und den notwendigen politischen Entscheidungsprozess voranzubringen.

Dr. Eoin O´Dell, Associate Professor an der Trinity College School of Law, skizzierte dem Publikum, bestehend aus Vertretern der irischen (Finanz-)Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, in seinem Vortrag, wie ein Sparkassenmodell in Irland auf einer neu zu gestaltenden rechtlichen Grundlage funktionieren könnte: Eng angelehnt an das Modell öffentlich rechtlicher Sparkassen, aber mit irischer Ausprägung.

Dr. Charles Larkin, Lehrbeauftragter an der Trinity Business School, ordnete den erarbeiteten Businessplan und die Möglichkeit, circa acht Sparkassen und einen zentralen Serviceprovider in Irland zu gründen, in den gegenwärtigen Kontext des Brexit-Referendums und der Apple-Steuerproblematik ein. Sein Fazit: Schwierig, aber machbar.

Stabilitätsanker Regionalbanksystem:  Chance für den weltweiten Finanzmarkt

Besonderes Interesse galt den Auftritten von Heinrich Haasis, Präsident des Weltinstituts der Sparkassen und Vorstandsvorsitzender der Sparkassenstiftung für internationale Kooperation sowie von Dr. Karl-Peter Schackmann-Fallis, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV).
Die Chance, ein Wirtschafts- und Bankensystem so zu verändern, dass Begriffe wie „Sozialpartnerschaft, gesellschaftliche Teilhabe und soziale Verantwortung“ auch in den irischen Finanzinstitutionen wieder stärker an Bedeutung gewinnen, mache deutlich, so Haasis, dass ein vereintes Europa und seine Repräsentanten nicht nur eine Wirtschafts-, sondern auch eine Wertegemeinschaft darstellen müssen, um seine Bürger langfristig von der Vision eines dauerhaft friedlichen Miteinanders vieler unterschiedlicher Nationen zu überzeugen. Haasis bezog sich weiter auf die historischen Parallelen, die hinsichtlich der Gründung von Sparkassen zwischen Deutschland und Irland bestehen. Die ersten Sparkassen in Irland wie in Deutschland seien nicht nur zeitgleich, vor rund 200 Jahren, gegründet worden, sondern auch aus denselben Gründungsmotiven und mit identischen Gründungsmerkmalen: Vor dem Hintergrund gravierender wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und sozialer Verwerfungen, wie sie gegenwärtig wieder bestehen, und basierend auf dem Anspruch sozialpolitischer Verantwortung, regionaler Bindung und eines Geschäftsmodells, das allen Menschen und Unternehmen Zugang zu Finanzdienstleistungen ermöglicht.
Haasis erläuterte weiter die konstituierenden Merkmale und die große Bedeutung regionaler Banksysteme wie das der deutschen Sparkassen: „Durch spezifische Charakteristika wie öffentliche Trägerschaft, Gemeinwohlorientierung, Regionalprinzip und die damit verbundene Kundennähe und Zusammenarbeit im Verbund, haben sich die Sparkassen in den vergangenen 200 Jahren eine herausragende Stellung im deutschen Bankenmarkt erarbeitet.“ Funktionierende Regionalbanksysteme gäben Impulse zur lokalen Wirtschaftsentwicklung, vor allem in ländlichen Regionen, und würden so zur Generierung von Arbeitsplätzen und Einkommen beitragen, was sich letztendlich in der Verbesserung der Lebensqualität widerspiegele.
Bezugnehmend auf die Situation Irlands führte Haasis aus, dass das Fehlen ebendieser Entwicklungschancen hingegen zu Perspektivlosigkeit in der Bevölkerung führe und nicht zuletzt häufig ein Migrationsgrund sei.
Überdies seien funktionierende Regionalbanksysteme nicht nur für ihre Heimatländer ein Stabilitätsanker, sondern auch für die weltweite Finanzmarktstabilität von wesentlicher Bedeutung: „Dies hat uns die Krise der vergangenen Jahre eindrucksvoll verdeutlicht und zu einem Umdenken sowohl in Brüssel als auch beim IWF geführt“.
In seiner Rolle als Vorstandsvorsitzender gab Haasis nachfolgend einige Beispiele aus der Projektarbeit der Sparkassenstiftung für internationale Kooperation und stellte dar, wie diese die Entwicklung funktionierender Regionalbanksysteme nach deutschem Sparkassenvorbild weltweit in Entwicklungs- und Schwellenländern fördert. Nicht nur dort, sondern auch in Europa sei aktuell wieder ein Interesse am deutschen Sparkassenmodell zu verzeichnen. Er betonte, die Stiftung verfolge keine finanziellen Ziele – insbesondere in Irland gehe es ihrem Dachverband, der Sparkassen-Finanzgruppe, vor allem darum, Verbündete zu finden, die den Nutzen und die Notwendigkeit eines regionalen Bankensystems erkennen:
„Die Gründung von Sparkassen in Irland bedarf nicht nur eines breiten gesellschaftlichen Konsens, sondern muss natürlich durch den Gesetzgeber und die öffentliche Verwaltung getragen werden.“

Dr. Schackmann-Fallis verdeutlichte in seinem Vortrag  anschließend anschaulich, wie eine Sparkasse auf Basis ihrer wesentlichen Merkmale die Lebenssituation der Menschen in ihrem Geschäftsgebiet auf vielfältige Weise positiv beeinflusst. Angefangen von der kompetenten und langfristig ausgelegten Kundenbeziehung durch exzellent ausgebildete Mitarbeiter, bis hin zur Rolle als Investor und Steuerzahler im Geschäftsgebiet. Auf diese Weise entstehe ein Kreislauf, von dem alle Akteure profitierten. Ein Kreislauf, der eine ausgewogene, regionale Wirtschaftsentwicklung unterstütze und für die Steigerung der Lebensqualität in der Region von großer Bedeutung sei. In einer sehr lebhaften Frage-und-Antwort-Runde wurde unter anderem das Scheitern des spanischen Sparkassenmodells hinterfragt. Dr. Schackmann-Fallis verwies in seiner Antwort auf die entscheidenden
Prinzipien des Sparkassenmodells, wie beispielsweise das Regionalprinzip. Dieses, so führte er aus, habe Spanien aufgegeben, was ein Grund für die krisenhafte Entwicklung gewesen sei.
Abschließend betonte er, wie wichtig ein diversifizierter Bankenmarkt sei, mit kleineren Finanzinstitutionen, verankert in einem soliden regionalen und wirtschaftlichen Umfeld, der nicht bei erster Gelegenheit durch Großbanken vereinnahmt wird. Die Sparkassen-Finanzgruppe werde Irland bei der Entwicklung eines eigenen Regionalbankmodells gerne unterstützend zur Seite stehen.

Daran knüpfte auch Seamus Boland, Vorsitzender der Irish Rural Link, in seinem Vortrag an und formulierte nochmals deutlich die Notwendigkeit eines funktionierenden Bankenmarktes, der auch eine Lebensperspektive im ländlichen Raum ermöglicht. Er appellierte, den im Regierungsprogramm enthaltenen Prüfauftrag des deutschen Sparkassensystems jetzt verbindlich umzusetzen.

Irlands Bankensektor und die derzeitige Situation irischer Credit Unions

Der irische Bankensektor besteht nach der Finanzkrise hauptsächlich aus drei staatlich gestützten Banken, die als sogenannte PCAR Banks (Prudential Capital Assessment Review Banks) unter Überwachung der europäischen Zentralbank stehen. Die zahlreichen, aber sehr kleinen Kreditgenossenschaften (Credit Unions), ändern nichts an der Tatsache, dass der Marktanteil der drei großen Institute über 90 Prozent beträgt.
Der Anpassungsprozess im irischen Bankensystem ist noch nicht abgeschlossen. Die Banken bauen nach wie vor ihre Kreditportfolios ab und die Bilanzen der von den staatlichen Garantien betroffenen Banken sind seit 2010 deutlich geschrumpft.

Insgesamt hat sich die Situation in den letzten Jahren verbessert: Die private Verschuldung sinkt, die Immobilienpreise haben sich stabilisiert beziehungsweise ziehen in einigen Regionen wieder an.
Dennoch sitzen die irischen Banken noch immer auf hohen Beständen notleidender Kredite. Aus diesem Grund hat die Zentralbank Restrukturierungsmaßnahmen, vor allem für Hypothekendarlehen, eingeführt. Hypothekarschulden müssen vorrangig vor anderen Krediten bedient werden. Einerseits will man sich an die wirtschaftliche Leistungs- und Zahlungsfähigkeit der verschuldeten Privathaushalte anpassen, andererseits verursacht diese Regelung Probleme für die vergebenen Konsumenten- und Kartenkredite, die dann nicht vertragsgemäß zurückgezahlt werden müssen. Die Credit Unions sind von dieser Restrukturierungsmaßnahme ganz besonders betroffen und fühlen sich benachteiligt. Ihre Zahl ist nach der Finanzkrise rapide gesunken. Weitere drastische Reduzierungen, teils durch Zusammenlegungen, teils durch Schließungen, werden erwartet. Die Zahl ihrer Mitglieder ist hingegen deutlich angewachsen. Sie unterliegen der direkten Aufsicht durch die Central Bank of Ireland. Insgesamt hat der Sektor eine ähnlicher Struktur wie in anderen Ländern: Es gibt eine Vielzahl von Credit Unions, die nach unterschiedlichen Gesichtspunkten entstanden sind – als regionaler Zusammenschluss, als Interessengemeinschaft eines Berufsstandes oder einer religiösen Gruppierung, oder auch als spezifische Interessenvertretung von Mitarbeitern eines Konzerns. Vertreten werden die Credit Unions durch mehrere Interessenverbände, beispielsweise durch die Irish League of Credit Unions (ILCU) und die Credit Union Development Agency (CUDA). Wie bei den Banken werden auch die Betriebsergebnisse dieses Sektors durch hohe Abschreibungen aufgrund einer hohen NPL-Quote von rund 19 Prozent belastet. Viele Credit Unions haben sogar eine NPL-Quote von über 30 Prozent. Sie stehen unter besonderer Aufsicht durch die Regulierungsbehörden und wurden in der Vergangenheit von dieser aufgefordert, ihre Kreditvergaben einzuschränken. Durch das Verbot der Immobilienfinanzierung beziehungsweise sehr geringen Obergrenzen (durchschnittlich 8.000 Euro) sind diese Kreditvergaben ohnehin schon begrenzt.
Vor allem die kleineren Credit Unions tun sich schwer mit den Anforderungen an ein professionelles Management ihrer Institute, die in der Regel auf freiwilliger und ehrenamtlicher Basis geleitet werden. Vor diesem Hintergrund ist mit einer weiteren Schrumpfung des Sektors zu rechnen.

Die Oligopolisierung des irischen Bankenmarktes wird zudem dadurch verstärkt, dass sich die Auslandsbanken in den vergangenen drei Jahren weitestgehend aus dem irischen Markt zurückgezogen haben.

 

Sparkassenzeitung Online, 1. Dezember 2016

Sparkassenzeitung Print, 2. Dezember 2016

 

Ansprechpartner:

Harald Felzen / Carina Lau
Sparkassenstiftung für internationale Kooperation
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